Mecklenburg-Vorpommern ist Deutschlands Land der Gutshäuser. Als Kulturlandschaft zwischen Elbe und Oder prägten Großgrundbesitzer und Adelsfamilien über Jahrhunderte Wirtschaft und Gesellschaft des Nordostens. Anders als im benachbarten Schleswig-Holstein, wo eine vergleichbare Gutskultur bis heute weitgehend erhalten ist, hat die Zeit nach 1945 hier tiefe Spuren hinterlassen.
Wer in den 1990er Jahren erstmals nach der Wende durch die Region fuhr, begegnete einem eigentümlichen Bild: holprige Straßen, stille Dörfer. Dann, hinter einer Kurve oder am Ende einer Allee, plötzlich ein überdimensioniertes Haus. Heruntergewirtschaftet, wie ein Fremdkörper aus einer anderen Zeit – und doch von einer Größe und Würde, die sich der Landschaft nicht entzog.
Enteignet, zweckentfremdet und dem Verfall überlassen, standen die Gutshäuser als Ruinen der Nachwendezeit in der Landschaft. In dieser Phase des Umbruchs erfasste eine regelrechte Goldgräberstimmung den Markt. Häuser wurden zu Preisen erworben, die sich heute jeder Vorstellung entziehen. Die Kehrseite waren spekulative Käufe, deren Folgen noch bis in die 2000er Jahre nachwirkten – manches Haus galt lange als verloren.
Doch der Markt wandelte sich. Neue Eigentümer kamen – aus Hamburg, aus Berlin und von weiter her. Häuser wurden instand gesetzt, es entstanden Hotels, Ferienhäuser und private Residenzen. Der Aufschwung war bemerkenswert. Heute, angesichts gestiegener Baukosten, wirtschaftlicher Unsicherheiten und eines veränderten geopolitischen Umfelds, ist der Markt ruhiger geworden – das Interesse an diesen besonderen Häusern jedoch bleibt. Eine lebendige Gemeinschaft aus Eigentümern, Vereinen und Kulturinitiativen trägt die Gutshauslandschaft, nicht zuletzt durch Veranstaltungen wie die Mittsommer-Remise, die jährlich zahlreiche Besucher anzieht.
Manfred Achtenhagen kennt die Region und ihre Entwicklungen. Seit fast drei Jahrzehnten ist er Hotelier im Romantik Hotel Gutshaus Ludorf, Projektentwickler, Gutshausmakler und Vorsitzender des Vereins der Schlösser, Guts- und Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern. Im Interview spricht er über die Anfänge in Ludorf, die europäische Dimension der Gutshauskultur im Baltikum und darüber, wie die Zukunft dieser Häuser in einer Zeit des Wandels aussehen kann.

- Faszination Gutshaus – in die Wiege gelegt
- Warum Ludorf
- Liebhaberprojekt oder Investition
- Sanierung zwischen Planung und Wirklichkeit
- Gutshaushotels – Herausforderungen und Perspektiven
- Vereinsarbeit und Mittsommer-Remise
- Mecklenburg und das Baltikum – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
- Sanieren mit begrenztem Budget
- Schloss Ivenack – ein Projekt in Entwicklung
- Rückblick
1. In den 1990er-Jahren standen in Mecklenburg-Vorpommern hunderte Gutshäuser leer und befanden sich in einem desolaten Zustand. Wo liegt der Ursprung Ihrer Auseinandersetzung mit den Guts- und Herrenhäusern des Landes?
Ich bin in Mecklenburg aufgewachsen und mich hat diese Kulturlandschaft der großen Güter schon damals fasziniert. Denn trotz der Missnutzung der Gutsanlagen in der DDR prägten sie noch immer den ländlichen Raum jenseits der Elbe.
Jenseits der Elbe
Der Ausdruck jenseits der Elbe
bezeichnet allgemein die östlich der Elbe gelegenen Regionen Deutschlands. Er steht in losem Zusammenhang mit dem Begriff Ostelbien, der vor allem die agrarisch geprägten Gebiete mit großem Gutsbesitz beschreibt, insbesondere in Brandenburg und Pommern sowie in den ehemaligen östlichen Provinzen Preußens. Teile dieser historischen Regionen liegen heute in Polen und in der russischen Oblast Kaliningrad.

2. Sie haben das Gutshaus Ludorf im Jahr 1998 erworben – zu einer Zeit, in der Marktbedingungen noch ganz andere waren als heute. Welche Faktoren haben damals in der Summe den Ausschlag für Ihre Kaufentscheidung gegeben?
Der wesentliche und letztlich entscheidende Grund war natürlich die Lage an der Müritz. Dann spielte der historische Wert eine große Rolle. Ludorf ist ja eines der ältesten Gutshäuser im Lande und eines der 20 Häuser, die wegen ihres Denkmalwertes nach 1945 vom Befehl der sowjetischen Militäradministration zum Abbruch ausgenommen wurden. In unserer Region war das sonst nur noch Ulrichshusen. Außerdem war das Haus durch seine massive Bauweise als Baukörper noch halbwegs gut erhalten.“
Hintergrund: SMAD-Befehl Nr. 209
Der Befehl Nr. 209 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) vom September 1947 regelte unter anderem die Gewinnung von Baumaterial für Neubauernstellen im Zuge der Bodenreform. In der Praxis führte dies in vielen Fällen zum Abbruch von Gutshäusern und Schlössern, insbesondere in Brandenburg und Mecklenburg.

3. Rückblickend gefragt: Stand beim Erwerb von Ludorf das wirtschaftliche Potenzial im Vordergrund oder war es zunächst auch ein Liebhaberprojekt, dessen Tragfähigkeit sich erst entwickeln musste?
Es war schon ziemlich schnell klar, dass mit der Lage in der aufstrebenden Tourismusregion der Mecklenburgischen Seenplatte, am Ufer der Müritz und der Größe des Hauses nur eine gewerbliche, also touristische Nutzung in Frage kam. Ich hatte allerdings keine Erfahrung in der Hotellerie und Gastronomie. Insofern war es durchaus zunächst ein Wagnis mit unbekanntem Ausgang.

4. Mit einer knapp zweijährigen Bauzeit bis zur Eröffnung des heutigen Hotels war die Umsetzung vergleichsweise schnell. Lief die Sanierung weitgehend nach Plan oder gab es unerwartete Brüche – insbesondere bei Kosten und Bauabläufen –, die das Projekt zeitweise infrage gestellt haben?
Wie immer bei lange nicht ordentlich unterhaltenen und oft auch missnutzten alten Häusern treten bei der Sanierung nicht kalkulierte Umstände auf, die in der Regel das ursprünglich geplante Budget erhöhen oder die Nutzungsidee noch einmal umstoßen. In Ludorf waren es in erster Linie die wiederentdeckten Deckenmalereien aus dem 17. Jahrhundert in drei der wichtigsten Räume. Einerseits ein unerwarteter Schatz und Alleinstellungsmerkmal des Hauses, andererseits deutlich erhöhte Kosten durch die Restaurierung und Verlust von Beherbergungskapazität.

5. Sie führen das Hotel seit über 25 Jahren erfolgreich und übergeben den Betrieb nun schrittweise an die nächste Generation. Die Corona-Zeit hat den Tourismussektor tief getroffen. Vor welchen Herausforderungen, aber auch Chancen, stehen Gutshaushotels in den kommenden Jahren?
Es gibt touristisch eigentlich nur einen Grund nach Mecklenburg zu kommen – wenn man die Küste einmal ausnimmt – und das ist die Natur. Badeurlaub kann man vielleicht auch woanders machen.
In dieser Naturlandschaft stehen rund 300 sanierte und in aller Regel touristisch genutzte Gutshäuser – für jeden Geschmack und Geldbeutel, vom Heuhotel bis zum Fünf-Sterne-Haus. Hier verbindet sich die Kultur und Geschichte dieser Häuser mit der umgebenden Natur.
Man kann aus kaum einem unserer Gutshäuser heraustreten, ohne sich im nächsten Schutzgebiet zu befinden – Naturschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiet, Biosphärenreservat, Naturpark oder sogar Nationalpark. Das ist ein Pfund, mit dem die touristisch genutzten Häuser wuchern können. Deshalb mache ich mir über die Zukunft dieses Segments keine Sorgen.
6. Neben Ihrer eigenen Tätigkeit engagieren Sie sich als Vorsitzender des Vereins der Schlösser, Guts- und Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern. Wie wichtig ist diese Arbeit für den Erhalt der Häuser, und worin zeigt sich ihr konkreter Nutzen jenseits der öffentlichen Wahrnehmung?
Vielleicht kann man das mit „gemeinsam ist man stärker" überschreiben. Der Verein hat mittlerweile fast 100 Mitglieder und ist unter anderem Veranstalter der „Mittsommerremise". Alljährlich zum Mittsommerwochenende öffnen zwischen 70 und 100 Gutshäuser ihre Türen und bieten mit den unterschiedlichsten Veranstaltungen einen Einblick in das Innere der Häuser – bereits im 15. Jahr mit stetig steigenden Besucherzahlen. Es gibt sogar mehrere Bustouren aus den größeren Städten des Landes zu den teilnehmenden Gutshäusern.
Diese Veranstaltung haben wir mittlerweile exportiert. Es gibt sie jetzt als „Baltic Manors Festival" in Polen, Litauen, Dänemark und Schweden. Weitere Ostseeanrainerländer werden in den nächsten Jahren folgen.
Derzeit arbeiten wir im Rahmen eines europäischen INTERREG-Projekts an der Etablierung einer offiziellen „Europäischen Kulturroute der Baltischen Herrenhäuser". Diese vom Europarat zertifizierten Routen gibt es seit vielen Jahren – mit der angestrebten offiziellen Anerkennung im nächsten Jahr werden wir für unsere Häuser sicher einen noch höheren Bekanntheitsgrad und damit mehr Gäste erreichen.

7. Als Gutshausmakler beraten Sie Kaufinteressenten in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in den baltischen Staaten. Was unterscheidet Gutshauskultur, Förderstrukturen und Entwicklungschancen im Baltikum von denen in Deutschland?
Zunächst einmal gibt es erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Außer der gemeinsamen Geschichte sind es auch die gleichen politischen Brüche, die Enteignungen und Missnutzungen der Häuser, die uns verbinden. Und genau wie hier bei uns sind es erstaunlich viele – gerade junge Menschen –, die sich dieser Häuser angenommen haben, sie sanieren und ihnen eine neue Zukunft geben.
Die Letten und Esten haben die ehemaligen Herrenhäuser als Teil ihres historischen Erbes erkannt und stellen sie wieder, wie früher, in den Mittelpunkt des ländlichen Lebens. Die staatlichen Unterstützungen sind dank gemeinsamer europäischer Förderrichtlinien ähnlich.

8. Wirtschaftliche Unsicherheiten und gestiegene Baukosten beeinflussen viele Kaufentscheidungen. Gleichzeitig zeigen gerade jüngere Interessenten verstärkt Interesse an sogenannten Schnäppchenobjekten und Sanierungen in Eigenleistung. Wie können solche Projekte gelingen, wenn Kapital begrenzt ist und vieles selbst umgesetzt werden soll?
Alles ist eine Frage der Zeit. Man braucht einfach Zeit für so ein Projekt. Für die meisten Käufer eines stark sanierungsbedürftigen Gutshauses ist das Vorhaben sogar eine Lebensaufgabe.
Trotzdem sollte man eine gewisse Summe Geldes zur Verfügung haben, denn es gibt Bereiche, die man in aller Regel nicht selbst machen kann oder sollte. Ich denke da an die Statik – oder bei einer Nutzung zu Beherbergungszwecken auch an den Brandschutz.
9. Im Vergleich zu Ihrem eigenen Projekt dauern die Sanierungsarbeiten am Schloss Ivenack, das Sie projekttechnisch betreuen, bereits seit mehreren Jahren an. Wo liegen hier die größten Herausforderungen und wie sehen die nächsten Schritte aus?
Zum einen ist es die schiere Größe des barocken Ensembles – es ist ja nicht nur das Schloss, sondern auch die Orangerie, das Teehaus und der Park. Dazu kamen schwere Schäden durch Schwammbefall im Schloss selbst.
Die Einstufung als Nationales Denkmal hat außerdem dazu geführt, dass die denkmalpflegerischen Untersuchungen enorm viel Zeit und Geld gekostet haben. Dann kam die Coronazeit dazwischen, in der die Arbeiten so gut wie ruhten. Da alle Ausschreibungen, Vergaben und Ausführungen nach der Bundesbauordnung durchgeführt werden müssen, geht auch hier nochmals viel Zeit und Geduld drauf.
Und schließlich ist dem Bauherrn manchmal der Weg mindestens genauso wichtig wie das Ziel.

Mecklenburger Gutshäuser zeigen ein vielfältiges Innenleben und halten oft auch Überraschungen bereit: So teilen sich die benachbarten Schlösser Ivenack und Kummerow ein baugleiches monumentales Treppenhaus.


10. Wenn Sie heute auf fast drei Jahrzehnte Ihrer Arbeit zurückblicken: Würden Sie Ihre Entscheidungen noch einmal genauso treffen? Was würden Sie heute anders machen?
Man kann Entscheidungen immer nur in ihrer Zeit sehen – so wie man Geschichte immer nur in ihrem zeitlichen Kontext betrachten sollte. Das wird heute leider so oft vergessen. Mit dem Wissen, wie sich manches anders entwickelt hat, würde man sicher auch manches anders machen. Aber diese Frage stelle ich mir nicht.