Siebenbürgen mit seinen Burgen und Legenden prägt die Wahrnehmung der rumänischen Architekturgeschichte. Neben dieser international auch als Transsilvanien bezeichneten Region im Zentrum des Landes breitete sich seit dem Mittelalter in den südlichen und östlichen Fürstentümern Walachei und Moldau der rumänische Adel, die Boyaren, aus.
Mit der Vereinigung der beiden Fürstentümer 1859, der Unabhängigkeit 1878 und der Gründung des Königreichs Rumänien 1881 entstand ein neues Nationalgefühl, das sich architektonisch in einer zunehmenden Orientierung an Frankreich und insbesondere Paris niederschlug. Adel und aufstrebendes Bürgertum errichteten in der Folge repräsentative Stadtpalais in Bukarest sowie in den Provinzstädten, die vielerorts bis heute das urbane Bild prägen.
Craiova, die grösste Stadt der südwestrumänischen Region Oltenien, gelangte durch die Getreideexporte von Kaufleuten und Grossgrundbesitzern nach Westeuropa zu Wohlstand und erhielt Anfang des 20. Jahrhunderts den Beinamen Stadt der tausend Millionäre
. Die Bezeichnung wird dem Historiker und Politiker Nicolae Iorga zugeschrieben, der Craiova als Stadt mit der höchsten Bojaren-Dichte nach Bukarest bezeichnete.
An der Casa Băileșteanu am Boulevard Nicolae Titulescu 4 sind die Spuren dieser Epoche bis heute ablesbar. Ein älteres Gebäude an gleicher Stelle war am 4. März 1882 der Geburtsort des Diplomaten Nicolae Titulescu, nach dem der Boulevard benannt ist.
Gabriel Nicolaescu wurde in einem Bojaren-Palais in Bukarest geboren, wo er mit seinen Eltern und Grosseltern aufwuchs und bis heute lebt. Neben seiner jahrzehntelangen Laufbahn in der internationalen Hotellerie hat der heutige Miteigentümer die Geschichte des Hauses seiner Vorfahren erforscht: von den Erzählungen seiner Grosseltern über das Leben der Bojaren und die Enteignung während des Kommunismus bis zu einer kuriosen Wendung, als sich die Familie durch deren Einsatz schliesslich vor Gericht im eigenen Haus wiederfand.
Im Interview spricht Gabriel Nicolaescu über das Familienerbe, die Zeit, in der das Haus als staatliche Institution genutzt wurde, das architektonische Erbe Olteniens sowie die Zukunft des Stadtpalais, das die Familie nun im Rahmen einer Versteigerung anbietet.

Das Palais in den 1920er Jahren

Archivaufnahme aus den 1990er Jahren während der Nutzung als Gericht
- Die Architektur der Casa Băileșteanu
- Eine Familiengeschichte: Enteignung und Inhaftierung
- Vor Gericht im eigenen Haus
- Krieg, Besatzung und kommunistische Herrschaft
- Die Bojarenhäuser Olteniens
- Bojarenpalais und Wehrburgen im Vergleich
- Historische Immobilien in Rumänien
- Wer schreibt das nächste Kapitel?
1. Herr Nicolaescu, Casa Băileșteanu wurde von I.D. Berindei entworfen und 1915 fertiggestellt. Was zeichnet ihre Architektur aus und welche Bedeutung hat sie für Berindeis Werk sowie für Craiova und Oltenien?
Die Casa Băileșteanu gehört zur Hauptphase des architektonischen Schaffens I.D. Berindeis und spiegelt die Architekturkultur der rumänischen Stadtelite zu Beginn des 20. Jahrhunderts wider. Ihre Komposition verbindet Monumentalität mit der Zurückhaltung einer Privatresidenz. Die repräsentative Fassade, die sorgfältig gegliederten Repräsentationsräume, die hohen Decken, die grosse Treppe und der Innenbalkon über dem Hauptsaal deuten darauf hin, dass das Haus nicht nur für das Familienleben konzipiert wurde, sondern auch für gesellschaftliche Auftritte und bedeutende Anlässe.
Berindei verstand es besonders gut, die zeremonielle Formensprache der europäischen akademischen Architektur mit den Ansprüchen und der Identität des modernen Rumäniens zu verbinden. An der Casa Băileșteanu zeigt sich dies in der Balance aus Eleganz, Symmetrie, differenzierter Ornamentik und Funktionalität.
Für Craiova und die Region Oltenien steht das Haus für einen wichtigen Moment im Wandel der Stadt zu einem modernen europäischen Zentrum. Es ist das Werk eines bedeutenden rumänischen Architekten und ein erhaltener Ausdruck des Wohlstands, des Selbstbewusstseins und der kulturellen Ambitionen der führenden Familien Craiovas in den Jahren vor dem Eintritt Rumäniens in den Ersten Weltkrieg.

Rundbogenloggia und reich gegliederte Stuckfriese verweisen auf den Einfluss der französischen Beaux-Arts-Architektur, die I.D. Berindei mit rumänischer Repräsentationsarchitektur verband

Architektonisches Zentrum: Grosse Halle mit Galerie und Oberlicht
2. Casa Băileșteanu war einst im Besitz Ihres Urgrossvaters, bevor das Haus während der kommunistischen Ära enteignet wurde. Was hat Ihre Familie Ihnen über diese Zeit und das Schicksal Ihres Urgrossvaters erzählt und wie hat diese Geschichte Ihre Beziehung zum Haus geprägt?
Das Schicksal meines Urgrossvaters wurde durch meine Grossmutter und andere Familienmitglieder überliefert. Demnach wurde mein Urgrossvater in einem Park in Calafat verhaftet und beschuldigt, regierungsfeindliche Gerüchte zu verbreiten, woraufhin er aus politischen Gründen inhaftiert wurde.
In einer Nacht wurde er aufgefordert, seine Sachen zu packen. Einige Häftlinge sollten in ein anderes Gefängnis verlegt werden. Die Fahrt endete jedoch auf einem Waldgrundstück, wo sie zum Aussteigen gezwungen und erschossen wurden.
Später wurde als offizielle Todesursache ein Herzleiden angegeben. Meine Familie war jedoch davon überzeugt, dass er hingerichtet wurde. Einzelheiten konnten leider bis heute nicht eindeutig verifiziert werden.
All das - die Ungewissheit über den Tod meines Urgrossvaters, die Enteignung, der Verlust des Familienbesitzes und schliesslich die Rückgabe - ist heute Teil unserer Familiengeschichte.

Gedenktafel von 1962 zu Ehren Nicolae Titulescus und Denkmalplakette
3. 2004 wurde das Haus an Ihre Familie zurückgegeben. Wie erlebten Sie diesen Moment und wie war es, nach so vielen Jahren wieder als Eigentümer in das Haus zurückzukehren?
Mein Vater, mein Onkel und die Schwester meiner Grossmutter hatten sich über Jahre mit anwaltlicher Unterstützung für die Restitution eingesetzt.
Die besondere Ironie des Verfahrens war, dass die Gerichtsverhandlung über die Rückgabe des Hauses in der Casa Băileșteanu selbst stattfand. Das Gebäude diente damals als Sitz des Berufungsgerichts Craiova. Meine Familie sass damit in ihrem eigenen früheren Zuhause einem Gericht gegenüber, vor dem sie die Rückgabe des Hauses beantragte.
Nach der Rückgabe blieb das Berufungsgericht Craiova bis 2012 als Mieter im Gebäude. Danach besuchten die Familienmitglieder gemeinsam das Haus. Es war eine Rückkehr zwischen Freude und Ernüchterung. Zum ersten Mal war die Familie nun auch in den Nebenräumen und in den oberen Etagen. Das Haus war leer. Wertvolle Möbel und Teppiche sowie zwei grosse Murano-Kronleuchter, an die sich die Familie aus der Zeit als Familienresidenz erinnerte, waren verschwunden.
Da ich in Bukarest lebte und ein kleines Kind hatte, konnte ich bei diesem Besuch nicht dabei sein. Ich selbst kam 2020 zum ersten Mal hierher. Auf der Galerie in der grossen Halle blickte ich hinunter und versuchte, mir das Haus wieder vorzustellen - die Räume, die gesellschaftlichen Zusammenkünfte und Bälle, die hier einst stattfanden. Zugleich wurde für mich die Verbindung zu meiner eigenen Familiengeschichte greifbar: Ich kannte das Haus aus Erzählungen, Dokumenten und Fotografien. Nun stand ich am Ort, an dem diese Geschichten ihren Ursprung hatten und konnte mir erstmals vorstellen, wie meine Vorfahren hier gelebt hatten.


Gerichtssaal während der Nutzung durch die Justiz (oben) und im heutigen Zustand mit funktionaler Wandverkleidung neben der originalen Kassettendecke
4. Casa Băileșteanu hat den Zweiten Weltkrieg, die sowjetische Präsenz und Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft überstanden. Gibt es konkrete Berichte oder sichtbare Spuren aus dieser Zeit?
1945, während der sowjetischen Präsenz in Rumänien, wurde das Haus beschlagnahmt und unter staatliche Kontrolle gestellt. Zeitweise war hier ein sowjetisches Militärkommando stationiert. Dauer, Auswirkungen und weitere Einzelheiten dieser Zeit sind nicht dokumentiert.
Die deutlichsten Spuren dieser Jahrzehnte zeigen sich darin, dass vieles verschwunden war, während die originale Innenarchitektur überraschenderweise nahezu vollständig erhalten blieb. Das war nicht selbstverständlich. Je nach Schicksal und späterer Nutzung haben Bojarenhäuser durch tiefgreifende Umbauten ihren herrschaftlichen Charakter vollständig verloren.
Mit der Nutzung als Berufungsgericht wurde das Haus teilweise an die neuen Anforderungen angepasst, etwa durch Wandverkleidungen und Einbauten, die jedoch reversibel sind. Für den Erhalt des Hauses war diese Phase letztlich von Vorteil.

Trotz der Verluste sind originale Ausstattungsdetails erhalten: Kachelofen und dekorative Deckenfriese
5. Wer sich in Craiova und in Oltenien umschaut, findet viele solcher Repräsentationsbauten. Welche Bedeutung haben Architektur und Geschichte dieser Region für die rumänische Baukultur?
Die historischen Residenzen Craiovas und Olteniens zeigen, wie sich lokale Bojarentraditionen mit europäischen Einflüssen verbunden haben. Besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert orientierten sich die Bauherren an der Architektur Westeuropas, vor allem an Frankreich.
Die Häuser waren Ausdruck des gesellschaftlichen Rangs, der Bildung und der kulturellen Interessen ihrer Besitzer. Französische Beaux-Arts- und neoklassizistische Formen wurden mit lokalen Bautraditionen verbunden und an die Lebensweise und das Klima Südrumäniens angepasst.
Craiova war damals ein wichtiges politisches, kaufmännisches und kulturelles Zentrum. Viele dieser Residenzen erzählen noch heute von den Familien, die das Stadtbild und die Entwicklung der Region geprägt haben. Im Vergleich zu Bukarest und Siebenbürgen ist dieses architektonische Erbe international allerdings weniger bekannt. Viele historische Gebäude in Oltenien sind in ihrer Substanz noch gut erhalten und Craiova hat sich wirtschaftlich und touristisch entwickelt, was neue Perspektiven bietet.

Casa Puiu Pleșia am Boulevard Frații Buzești ist eine weitere Villa, an dem der Beiname Stadt der tausend Millionäre
sichtbar wird
Foto: Andrei Stroe, CC BY-SA 3.0 ro
6. Wie unterscheidet sich ein Bojarenpalais von den Wehrburgen und sächsischen Herrenhäusern, die mit Rumänien verbunden werden?
Der wesentliche Unterschied liegt in Zweck, Entstehungszeit und Umfeld. Viele der international mit Rumänien verbundenen Wehrburgen und sächsischen Residenzen entstanden in defensiven, ländlichen oder halbländlichen Umgebungen und spiegeln die politischen und sicherheitspolitischen Bedingungen früherer Jahrhunderte wider.
Eine Bojarenresidenz wie die Casa Băileșteanu gehört zu einer anderen Epoche. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer bedeutenden Stadt erbaut, war sie als repräsentatives Familiendomizil für gesellschaftliches Leben, Gastfreundschaft und Repräsentation konzipiert, nicht als Wehrbau.
Entsprechend ist ihre Architektur offener und stärker auf Repräsentation ausgerichtet. Die Fassade, die Abfolge der Empfangsräume, die grosse Halle, die Treppe und die Galerie prägen das Haus. Ältere Burgen stehen für Befestigung und Geschlossenheit, bei einem Bojarenpalais steht dagegen die urbane Repräsentation im Vordergrund.
Beide Bautraditionen zeigen unterschiedliche Seiten der rumänischen Geschichte. Die Casa Băileșteanu steht für die städtische Bojaren- und Bürgerschicht Südrumäniens und für eine europäisch geprägte, heute vergleichsweise wenig bekannte Architektur der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Neben Bran ein Symbol der siebenbürgischen Burgenlandschaft: Burg Hunedoara
Foto: Todor Bozhinov, CC BY-SA 4.0
7. Sie sind selbst nicht in der Immobilienentwicklung tätig. Wie schätzen Sie den Markt für historische Immobilien in Rumänien ein und was hat sich in den vergangenen 15 bis 20 Jahren bei Käufern und Investoren verändert?
Ja, es ist insgesamt ein langwieriger Prozess, aber die tiefste Phase der Vernachlässigung des rumänischen Kulturerbes ist überwunden, auch wenn noch viel Leerstand bleibt.
Lange galten diese historischen Häuser als problematische Vermögenswerte, quasi als Klotz am Bein
: anspruchsvoll in der Vermarktung, weil Restaurierungen kostspielig und Eigentumsverhältnisse manchmal ungeklärt waren oder kurz vor einem Verkauf entfernte Familienmitglieder noch Ansprüche erhoben.
Heute nehme ich bei Käufern und Investoren mehr Offenheit wahr. Wenn man durch Bukarest fährt und sieht, aus welchen Ländern Investoren kommen, welche historischen Gebäude neu erworben und wieder genutzt werden und was in diesem Bereich neu entsteht, zeigt sich, wie stark sich der Umgang mit diesen Immobilien verändert hat. Authentizität, architektonische Identität und die Qualität solcher Häuser lassen sich in einem Neubau nicht reproduzieren. Das rückt zunehmend ins Bewusstsein.
Gleichzeitig bilden ein wirtschaftliches Nutzungskonzept und eine langfristige Perspektive den Anker für die Zukunft dieser Häuser. Mit Liebhaberei allein können sich nur wenige ein solches Haus wirtschaftlich leisten. Bei einem urbanen Palais denkt man deshalb zunächst an ein Hotel, einen Unternehmenssitz oder vielleicht auch an eine private Nutzung. Die Denkmalbehörden sind dabei in der Regel offen und konstruktiv. Je nach Konzept können öffentliche Förderprogramme die Restaurierung ergänzend unterstützen.

Das Eingangsvestibül: Filigrane Details sind aufwendig in der Restaurierung, aber erfahrungsgemäss ein Kaufargument - Interessenten schätzen erhaltene Originalsubstanz
8. Nach allem, was Casa Băileșteanu über Generationen hinweg erlebt hat: Was erhoffen Sie sich für das nächste Kapitel des Hauses?
Casa Băileșteanu braucht einen Investor, der den architektonischen Wert und die Verantwortung versteht, die mit dem Besitz eines Denkmals verbunden ist.
Jede Epoche hat dem Haus ein neues Kapitel geschrieben: die Bojarenfamilie, die sowjetische Nutzung, die Jahrzehnte als Gericht. Paradoxerweise hat gerade die Nutzung als Gerichtsgebäude dazu beigetragen, die Substanz des Hauses zu bewahren. Jetzt steht ein neues Kapitel an.
Ich würde mir eine sorgfältige Restaurierung wünschen, die die historischen Qualitäten erhält. Die künftige Nutzung wird sich von der ursprünglichen unterscheiden, sollte aber den Charakter, die Geschichte und die Würde des Hauses respektieren.
Und ich hoffe, dass ich das Haus irgendwann in seiner neuen Bestimmung wiedersehe – und es auf diese Weise noch einmal neu kennenlernen kann.


Die zentrale Treppe während der Nutzung durch die Justiz im Jahr 2006 und im heutigen Zustand
